Nächste Station: Odense, Dänemark.
Seit ca vier Wochen bin ich jetzt hier, da wage ich mal den Versuch zu beschreiben wie mein Alltag hier in Odense so aussieht. Das grobe Wochen-Grundgerüst ist immer recht ähnlich, weshalb ich einfach mal die vergangene Woche als Beispielwoche verwende.
Montag
Die Werktagswoche direkt mit Arbeit zu beginnen, wäre für Erasmus-Studenten ja irgendwie falsch. Man muss schließlich auch seinen Ruf als sorgenfreier Lebemensch bewahren. Diesen regnerischen Montag habe ich also mit einkaufen, kochen, lesen und einem Kampf gegen ein Computervirus (das ganz trickreich als Anti-Virus-Programm getarnt war. Sachen gibts...) verbracht.
Abends gibt es dann jede Woche das 'Monday's Café'. Das ist einfach ein internationales Treffen, privat organisiert, an dem es jeden Montagabend ein günstiges Essen gibt, mal lecker spanische Tortilla, mal französisches Hühnchen und heute Abend zum Beispiel Indisch. Ist eine sehr angenehme Atmosphäre, weil man mal ohne Feiern und Party mit Leuten ins Gespräch kommt und auch mal an ein paar Nicht-Erasmusler gerät. Abgerundet wird so ein Montagabend mit einem Besuch im "Dexter's", wo talentierte Musiker der Odenser Musikhochschule Jazz spielen. Das ist perfekt, gemütlich, irgendwie urig und gleichzeitg ein wenig relaxte Kultur, so nach dem Wochenende.
Dienstag
Dienstags um 14 Uhr beginnt dann meine Uni-Woche mit dem Kurs 'Danish and Scandinavian Culture'. Unser Dozent Morgens Davidsen verbringt den größten Teil der Stunde so:
Man kann es nur bedingt gut erkennen (schließlich wollten wir ja nicht im Unterricht die Handykamera ganz offensichtlich auf unseren Lehrmeister halten), aber er sitzt mit ganz ausgestreckten Beinen und Kullerbauch auf dem Tisch, spricht mit sanfter Bärenstimme über Dänische Kunst, Geschichte und über Hans Christian Andersen und ist sehr sympathisch dabei. Wie auch im philipp'schen Norwegen wird auch in Dänemark alle 45 Minuten eine Pause eingelegt und das finde ich so was von sinnvoll! Ich bin überzeugt: egal ob Wilke, Ricker oder Lamp - wenn man zwischendurch so eine Verschnaufpause bekommt, übersteht man sie alle!
Wenn dann die Sonne scheint, sind die 8 Kilometer Heimweg mit dem Fahrrad ein Genuss! Ein Teil der Strecke geht durch den Wald und an Feldern vorbei. Bei Regen, naja... schnell nach hause!
Mittwoch
Von 10 bis 12 Uhr steht 'American History' auf dem Programm. Das ist in etwa so wie es sich anhört: im Großen und Ganzen interessant, aber auch nicht besonders innovativ oder außergewöhnlich. Allerdings ist das mein einziger Kurs, in dem ganz überwiegend Dänen sind. Ein Kanadier und ich sind die einzigen Austauschstudenten. Ist also ganz interessant mal in den 'echten' dänischen Unialltag reinzuschnuppern.
Da ich ja dann den ganzen Nachmittag Zeit hatte, habe ich mal meine großartige DVB-T-Antenne für meinen PC ausgetestet. Und was findet man da im Dänischen TV? Beverly Hills 90210. Die alten Folgen, aus den 90er-Jahren. Was mir also in jungen Jahren verwehrt worden ist, da wir keine Satelittenschüssel hatten, kann ich jetzt knapp 20 Jahre später nachholen und dabei ein wenig etwas über seltsam-geformte Jeans, Probleme verwöhnter Teenager und dänische Untertitel lernen. Danach kommt 'Venner', also 'Friends' und mittwochabends 'Desperate Housewives'. Damit sind aber auch die Möglichkeiten des guten englisch-sprachigen Fernsehens weitestgehend erschöpft. Ansonsten gibt es dänische Nachrichten, das Supertalent auf Dänisch und englischsprachige Dokus zu mehr oder minder interessanten Themen.
Donnerstag
Donnerstags habe ich meinen liebsten Kurs. Den, den ich hier schonmal erwähnt habe, wo man interkulturelle Küsse austauscht ;-) Spaß beiseite, Interkulturelle Kommunikation ist tatsächlich sehr interessant, unterrichtet von einem Amerikaner, was meinen Ohren immer wieder eine Freude ist. Hier musste ich jetzt auch zum ersten Mal seit meiner Ankunft richtig was für die Uni arbeiten und ein 'writing to learn-essay' schreiben. Wie sich das aber für dänische Verhältnisse gehört, wird das jetzt mal noch nicht benotet, sondern dient unserer eigenen Vorbereitung auf die Prüfungen, die ja dann auch irgendwann kommen, und jeder der gut 30 Studenten kriegt individuelles Feedback.
Während ich also in meinem Zimmer an meinem Essay über 'Fremde' geschrieben habe, hat draußen die Sonne geschienen und mir eine lange Nase gemacht. Gott sei Dank gibt es aber auch hier in Dänemark nette Leute, die einem dann retten und zum Grillen auf einer Wiese direkt hier beim Wohnheim einladen. Wurst statt Wissen - welch ein schönes Motto für so einen Donnerstag Abend.
Freitag
Die Drei-Tage-Uni-Woche bietet schließlich die hervorragende Möglichkeit schon den Freitag für tolle Unternehmungen zu nutzen. Und das haben wir bisher auch sehr erfolgreich gemacht und es ist kein Wochenende vergangen, an dem wir nicht irgendwie raus gefahren sind. Diesmal ging es an die Nordsee :-) Wir sind zu viert losgefahren, gen Westen, ca 140 Kilometer, bis wir an der Nordseeküste in dem Örtchen Blavand landeten. Und -wer hätte es gedacht- ungefähr jedes zweite Auto war Deutsch. Wäre ja auch zu schön gewesen... aber den Deutschen entgeht einfach kein schönes Fleckchen, das ist wohl der Grund warum man sie ÜBERALL trifft! Ein schönes Fleckchen war es nämlich wirklich. Eine herrliche Dünenlandschaft, alles sah ganz weich aus und wir haben uns mit unserem Picknick -einschließlich original dänischem Krabbensalat- auf eine hohe Düne gesetzt und von oben auf den weitläufigen Strand geschaut. Ja, das Meer so in der Nähe zu haben, ist wohl eine der größten Annehmlickeiten des dänischen Lebens. Danach gings noch in das schöne Städtchen Esbjerg - hübsch, beschaulich, dänisch.
Freitag Abend widerum steht exemplarisch für so manchen Abend den wir hier schon verbracht haben. Es ging in die A-Bar, kurz für Australian Bar, ein Tummelplatz für Austauschstudenten und junge, feierwütige Dänen. Pünktlich um 22:30 Uhr stürmen diese also die Bar um bloß nicht die Stunde Freibier von 23 bis 24 Uhr zu verpassen. Der Zweck wird für Veranstalter und Gast gleichermaßen erfüllt: die Bar ist voll und ab geht's. Mittlerweile kennt man auch viele der Gesichter und das Schöne ist natürlich, dass alle sehr offen sind und man deshalb mit vielen Leuten ins Gespräch kommt und man auch mit flüchtigen Bekannten feiern kann.
Samstag
Oh Gott, dieser Beitrag wird viel zu lange!!! Ich persönlich hasse ja so lange Blog-Einträge. Naja, wird ja keiner gezwungen alles zu lesen. An dieser Stelle ist es praktisch, dass ich am Samstag nicht viel erlebt habe. Hab nämlich den ganzen Tag geschlafen. Abends haben wir wieder zusammen gekocht und danach gings in die Wohnheimbar zum Poker spielen. Meine erste Poker-Runde und ich hab mich gar nicht so schlecht geschlagen: Dritte von sieben Teilnehmern, damit bin ich zufrieden!
Sonntag
Sonntag ist mittlerweile unser Kochtag. Eine sehr nette kleine Tradition, die sich nach so kurzer Zeit eingebürgert hat und die einen schönen Wochenabschluss bildet. Gemäß der alten Weisheit: Käse schließ den Magen, gemeinsames Gekoche schließt die Woche.
Und dann, und dann...
fängt das Ganze wieder von vorne an. Heute Abend geht es also wieder zum Monday's Café und zu Dexter's Jazz-Night.
Die treuen Leser, die bis hierhin durchgehalten haben, erhalten ein Lob! Das war lang, ich weiß.
Bis bald,liebe Venner (wer oben gut aufgepasst hat: 'Freunde' auf Dänisch)
Eure Alex